Vor einigen Tagen erreichte die Piraten ein Hilferuf – er kam von einer Familie aus der Flüchtlingsunterkunft am Röttgershof in Marl. Dies ist die Reportage des Ortstermins, den wir daraufhin vorgenommen haben.

20150313_141422Das Gebäude liegt etwas abseits der B225 an der Langenbochumer Straße in Richtung Herten. Es handelt sich um ein ehemaliges Gewerkschafts-Bildungszentrum, gebaut in den 1960er Jahren. Die teils rot geklinkerte Fassade des zweistöckigen Flachdachbaus wirkt ausgeblichen, das Gelände trostlos und ungepflegt. Ein paar Kinder spielen Ball. Wüsste man nicht, dass hier Menschen leben, man könnte es für eine der vielen heruntergekommenen Bauruinen im Ruhrgebiet halten.

Wer das Gebäude betritt, hat schnell einen modrigen Geruch in der Nase, und in der Tat stellen wir bei unserem Rundgang fest, dass in den meisten Räumen schwarzer Schimmel in WinkelnIMAG0378[1], an Fenstern und Decken wuchert. Eine sechsköpfige Familie lebt in einem einzigen kleinen Raum, der kaum mehr als einen Schrank und drei Doppelstockbetten enthält.

Überhaupt gibt es kaum einen Raum, in dem nicht eine ganze Familie wohnt. Die Räumlichkeiten sind zum Teil frühere Korridore mit notdürftig eingezogenen Raumteilern in Leichtbauweise. “Fliegend” verdrahtete Elektrik mit Aufputz-Leitungen und offen aus den Wänden ragenden Kabeln, wo die Steckdosen fehlen, bilden ständige Sicherheitsrisiken. Und an den Wänden, die den muffigen Schimmelgeruch verbreiten, schlafen Kinder. Eine Mutter 20150313_142911zeigt uns den Raum, in dem sie mit ihren Kindern lebt. Ihr Sohn, ein kleines, blasses Kind unter dicker Decke, wurde mit nur einer Niere geboren. Das Kind ist krank, leidet an einer meldepflichtigen Krankheit. Andere Kinder laufen durchs Zimmer. Wie so etwas sein kann? „Keine andere Wohnung für die Familie“, habe das Sozialamt gesagt – so berichtet einer  der Flüchtlinge.

IMAG0385[1]Im Februar dieses Jahres hatte die Marler SPD sich noch mit der Forderung in die Brust geworfen, Kinderschutz dürfe auch vor den Türen des Röttgershofes nicht enden. Wenn man sich die Umstände vor Ort ansieht, muss man aber leider sagen: Doch, der Kinderschutz endet hier. Die Politik lässt zu, dass hier Kinder in verschimmelten Wohnungen auf viel zu kleinem Raum leben – sogar gemeinsam mit Kindern, die unter meldepflichtigen Infektionen leiden.

Und man fragt sich: wie viele Politiker waren eigentlich schon mal hier?

Besonders empörend ist, dass die Unterkunft am Röttgershof bereits vor geschlagenen fünf Jahren Lokalpresse und -politik beschäftigte. Die Marler Zeitung berichtete am 19.01.2010 wie folgt:

Ein Leben mit Kakerlaken, Schimmel und Gestank

IMAG0381[1]Kinder atmen Schimmelsporen ein und klagen über Atembeschwerden. Die 54 Bewohner des Röttgershofs, einer Asylbewerberunterkunft in Marl, leben zwischen Kakerlaken und defekten Pissoirs. ,,Was soll aus unseren Kindern werden?” Bewohner des Röttgershofes und Vertreter der ,,Internationalen Liste” protestieren vor dem Gebäude gegen die schlimmen Zustände in der städtischen Asylbewerberunterkunft. Es stinkt nach Urin, Stromleitungen sind ungesichert. Unzumutbare Zustände stellten Richter des Landessozialgerichts Essen bei einem Ortstermin fest und gaben einer libanesischen Familie recht, die nicht dorthin umgesiedelt werden wollte. Am Montag demonstrierten die Asylbewerber für die sofortige Schließung des Hauses. Stadt-Sprecher Rainer Kohl erklärte, dass die hygienischen Zustände verbessert werden sollen.

Am 06. September 2010 ließ die Stadt Marl dann verlauten, man habe die hygienischen Probleme im Röttgershof gelöst und es sei „alles nur noch halb so schlimm“.20150313_142141

Wenn man sich Gebäude und Wohnungen heute ansieht, muss man leider sagen: Halb so schlimm ist immer noch unerträglich. Im Jahr 2010 hatten die Marler Grünen noch gefordert, die Flüchtlingsunterkunft solle geschlossen und die Bewohner in normalen Wohnungen untergebracht werden. Geändert hat sich seither am Fortbestand der Unterkunft aber nichts.

Auch heißes Wasser steht nicht immer zur Verfügung, wie wir in der Gemeinschaftsküche erfahren. Hier stehen einige Herde älteren Baujahrs, eins der beiden Waschbecken ruht auf zwei Betonklötzen. Auf den Gängen – Putz fällt herunter. Man merkt dem Gebäude auf Schritt und Tritt an, dass es eigentlich ein Fall für die Abrissbirne ist. Den Menschen, denen man im Korridor und in den Wohnungen begegnet, merkt man an, dass sie frustriert und verzweifelt sind.

So wie am Röttgershof sollten Menschen nicht leben müssen. Es ist beschämend zu sehen, wie diese Familien hier untergebracht sind. Wir werden alle, die hierfür verantwortlich sind, dazu auffordern, tätig zu werden und die Familien aus dieser gesundheitsgefährdenden Situation herauszuholen. Und wir werden den Antrag stellen, diese „Unterkunft“ aufzulösen und die Bewohner in vernünftigen Wohnungen unterzubringen. Danach möge man den Röttgershof am besten abreißen –  Menschen hier unterzubringen, ist menschenunwürdig.

Epilog

Nachdem das Thema letzten Freitag von der Presse durch meine PM erneut aufgegriffen wurde, hat die Stadtverwaltung Marl die vorgefundenen Zustände am Samstag in der “Marler Zeitung” plump abgestritten. Ein Kind mit einer meldepflichtigen Erkrankung habe es dort nie gegeben, die Unterkunft werde “fortlaufend baulich unterhalten”, man habe sich das vor wenigen Wochen bei einem “Besuch” erst angeschaut und für OK befunden. Sollte sich (seither?) ein bisschen Schimmel gebildet haben, dann seien die Flüchtlinge wohl selbst Schuld, weil sie nicht richtig heizen und nicht ausreichend lüften.

Den Menschen derart platt den Schwarzen Peter zuzuschieben ist der Gipfel des Zynismus.

Was denkst du?